Archiv für April 2015

Areas of London


source: flowingdata.com *klick* bigger size

Hallenser Hallotri

Auf dem Weg „fehlende“ Stadien der 3. Bundesliga zu besuchen, kam die Partie von „Chemie Halle“ am Ostersamstag gegen den SC Preußen Münster gerade recht.
Die A38 leer gefegt wie immer, sodass ohne zeitliche Probleme das Fahrzeug beim Netto am Böllberger Weg abgestellt wurde. Eine Münsteraner Bullibesatzung kurvte im 9er auch noch umher, auf der Suche nach einem Parkplatz, da sie offensichtlich (freiwillig oder unfreiwillig) eine andere Parkmöglichkeit als den Gästeparkplatz suchte. Der Großteil des Preußen-Anhangs wählte die Anreise mit dem (Sonder-)Zug.
Der zeitliche Druck kam erst auf als ich die Schlange am einzig geöffneten Kassenhäuschen erblickte, die eine beachtliche Länge -rund 30 Minuten vor Anpfiff- aufwies. Das sonnige, wenn auch kalte, Wetter hatte wohl mehr Hallenser als erwartet vom Sofa ins Stadion gelockt. Pünktlich zum Anpfiff im Stadioninneren zu sein rückte in weite Ferne. Durch glückliche Fügungen konnte ich Jemandem seine überzählige Karte abkaufen und für 20 EUR auf der Haupttribüne Platz nehmen. Beste Sicht auf Heimkurve und Gästesektor inklusive.

Der jetzige „ERDGAS Sportpark“ dürfte zwar reichlich wenig mit dem „Kurt-Wabbel-Stadion“ (KWS) gemeinsam haben, dennoch ist es gelungen das neue Stadion, welches, isoliert betrachtet keinen besonderen Charme versprüht, in die Grundmauern und Torbögen (Denkmalschutz) des alten, 1936 erbauten, KWS „einzubetten“, was insbesondere auf den jeweiligen Hintertorseiten sehr schön zur Geltung kommt.

Auf Seite der Preußen war der Gästeblock gut gefüllt. Kurz vor Anpfiff wurden Fahnen in den Vereinsfarben des SCP06 ausgeteilt, was eine Minute nach Beginn ein simples, aber schickes, dreifarbiges Bild abgab. Dazu wurde lautstark mit dem Support begonnen.

Auf Seite der HFC-Fankurve gab es ein Spruchband, was die Abschaffung des Sicherheitszuschlags zum Thema hatte, den die Stehplatzbesucher für dieses Spiel zahlen mussten. Zur 2. Halbzeit gab es ein Spruchband mit dem eindeutigen Inhalt „Keine Solidarität mit Red Bull“, garniert mit „Wir wollen keine Bullenschweine“- sowie „Scheiss Red Bull“-Gesängen. Vor dem Spiel drehte ein übergroßer Biber (?!) seine Runde – der „Hallotri“, das Maskottchen des HFC. Der in den Schlachtrufen und auf vielen Zaunfahnen noch vielerorts präsente Zusatz „Chemie“ wurde 1991 offiziell aus dem Vereinsnamen gestrichen.

Halle bildet in Sachen Fanfreundschaft ein Dreierbündnis mit Lok Leipzig und Erfurt. Eine Lok-Fahne hing auch während des Spiels auf der Gegengerade, ein Indiz dafür, dass die Freundschaft auf breiter Basis getragen wird und es sich nicht nur um ein Bündnis zwischen einzelnen Gruppen handelt.
In Sachen Zaunfahnenkultur kann sich sich sicher so mancher Erst- und Zweitligist eine Scheibe abschneiden. Auch in Halle findet man eine Vielzahl gelungener Exemplare, die ein schönes Kurvenbild abgeben. Über allem thront mächtig eine XXL-“HFC Fankurve“-Fahne. Stimmungskern mit Trommel und Fahnen ist ganz klar bei der „Saalefront“, die sich mittig hinter dem Tor platziert hat.

Die Kurve der Preußen ist hierzulande sicher einer der „Vorreiter“ in vielen Dingen. Schon früh, zu Zeiten der Curva MS, verzichtete man auf jegliche Art der digitalen Selbstinszenierung in Form von Website, Blog o.ä.. Später erlangte man dann durch die für viele neuartige Spaltung der aktiven Fanszene überregionale Bekanntheit – was in anderen Ländern (insb. Frankreich) bereits Gang und Gäbe war und ist. Man erfährt von den Münsteranern nach wie vor recht wenig in den bekannten Postillen. Rein vom Gefühl her wirkte die Situation im Gästeblock auf den Außenstehenden gemäßigt bzw. konstruktiv. Sowohl beim Fahnenintro als auch den Gesängen -es waren zwei Vorsänger auf dem Zaun- wurde gemeinsam an einem Strang gezogen und nicht gegeneinander gesungen oder agiert. Wenngleich sich optisch klar 2 Stimmungskerne herauskristallisieren – auf der einen Seite „Deviants“/Sektor M und daneben die Gruppen der Fiffi-Gerritzen-Kurve (Ex-Block O) , allen voran die Fahne der „Gruppo Resistente“, die einen echten Blickfang darstellt.

Da für die Gäste ausschließlich der Stehplatzbereich vorgesehen war, gab es hier auch kaum Möglichkeiten den Abstand zwischen den beiden Standorten zu vergrößern.
Nach der Auflösung der Curva MS, dem „Überbau“ für viele Gruppen, nach Verlust der Zaunfahne in 2011, rückten die vielen kleinen Gruppen der Preußenkurve wieder verstärkt in den Fokus: Kategorie Münster, Lunatics, Preussen Fighters, Punzengarde und wie sie alle heißen.

Im Gepäck der Deviants befanden sich in meinen Augen zwei sehr gelungene, stilvolle Doppelhalter. Ein klarer Beweis dafür, dass gut gemachte und bewusst eingesetzte Doppelhalter absolut ihre Berechtigung haben, nachdem sie in der deutschen Ultra‘-Landschaft -so zumindest mein Eindruck- fast weitestgehend durch Schwenker ersetzt wurden, obwohl sie eine Zeit lang aus den deutschen Kurven kaum wegzudenken war, da es oft sehr statisch oder emotionslos, so die Kritiker, wirkte. Die Deviants, befreundet mit den Ultras aus Bordeaux, positionieren sich klar antirassistisch, antihomophob und antisexistsisch, was für andere zu dogmatisch oder „politisch“ ist und mittlerweile ein bekanntes (Spaltungs-)Thema in den deutschen Fankurven darstellt.
In der Art des Supports ließ sich heute kein Unterschied ausmachen. Das Liedgut beschränkte sich eher auf einfachere, nicht sehr textlastige Gesänge.

Während des Spiel präsentierte Halle einen Preußen-Pulli am Zaun sowie 3 schwarz-grün-weiße Schals. Im Gästeblock hing ein erbeuteter, roter HFC-Seidenschal am Zaun.

Sportlich spricht das 3-0 für die Hausherren eine klare Sprache. Da fiel es auch nicht so ins Gewicht, dass Preußen-Keeper Schulze-Niehues in der 77 Min. einen Elfer verursachte, mit „rot“ vom Platz gestellt wurde und durch den Elfer das dritte Tor für den HFC fiel. Den georgischen Torschützen Akaki Gogia wird man zukünftig sicherlich höherklassig kicken sehen. Auf jeden Fall immer wieder schön altgediente Bundesliga-Kicker überraschend auf dem Spielberichtsbogen zu entdecken. Diesmal waren es Ivica Banovic und Marco Engelhardt.

Kulinarisch kann das Kurt-Wabbel-Stadion nur bedingt überzeugen. Für den Kauf einer 3 EUR Frikadelle aka Bulette benötigt man eine 5 EUR Bezahlkarte (2 EUR Pfand), die man umständlich nach Spielende an lediglich einem Kiosk umtauschen muss. Bezahlkarten sind an sich schon unnötig, bei überschaubaren Zuschauerzahlen, wie sie hier an der Tagesordnung sind (heute: 7.498 Zuschauer), erst recht. Immerhin: Die Frikadelle schmeckte eher nach Metzger als nach 0815-Catering und konnte somit Pluspunkte sammeln. Punkten konnte ebenfalls das Stadionheft für 1,50 EUR mit dem treffenden Namen „Chemiker“.

Fakten:
04.04.2015 | 14:00 | Hallescher FC – SC Preußen Münster 3-0
Stadion: Erdgas-Sportpark
Wettbewerb: 3. Bundesliga 2014/2015
Zuschauer: 7.498 (Kapazität: 15.057) / Gäste: ca. 900
Eintritt: 21 EUR, Sitzplatz Haupttribüne
Culinaria: Bulette 3 EUR