Archiv der Kategorie '3. Quartal 2016'

Tribünlerin Sesi – Die Stimme der Tribünen

»Çocuklar ölmesin, Maça gelsin«

Gegen die Fußballmannschaft Amedspor (Diyarbakir) wurde dieses Jahr von der türkischen Regierung und den regierungsnahen Medien eine Lynchkampagne gestartet, nachdem sie während eines Spiels am 9. Februar ein Transparent auf dem Spielfeld entrollten, auf dem der folgende Satz stand: „Çocuklar ölmesin, maça gelsin” (Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zu Spielen kommen).
Durch die Kriegspolitik der türkischen Regierung sterben fast täglich Dutzende Kinder in kurdischen Städten der Türkei. Diese Botschaft, die sich gegen den Krieg stellt, sorgte für große Aufmerksamkeit. Vor einem Spiel in der westlichen Stadt Bursa gegen die Mannschaft Bursaspor hetzte eine Fangruppe „gegen die PKK-Mannschaft“ und rief die Fans auf, zum Spiel zu gehen, um zu zeigen, „wie stolz sie sind, Türken zu sein.“ Zudem wurde Amedspor von der „Professionellen Disziplinarkommission für Fußball“ (PDFK) mit einer Geldstrafe von 5 Tausend Lira verurteilt. Dass es sich um eine Demonstration ohne Erlaubnis handelte, diente der PDFK als Begründung.
Trotz der politischen Entscheidung über eine Geldstrafe, bestanden die Mannschaft und ihre Spieler auf ihre Forderung nach Frieden, die von St. Pauli Fans unterstützt wurde. St. Pauli Fans entrollten das gleiche Transparent während des Spiels gegen RB Leipzig am 14. Februar 2016 und ihre spontane Solidarität wurde von denen mit Hoffnung begrüßt, die sich nach Frieden sehnen.
Der Journalist aus der Türkei Onur Öncü drehte den Dokumentationsfilm „Tribünlerin Sesi – Die Stimme der Tribünen“ über die Solidarität der Fußballfans aus zwei verschiedenen Kulturen, die sich Fremd sind, dessen Gemeinsamkeit in ihrem Glauben an Frieden liegt. Er wünscht sich, dass diese rare Art der Solidarität ein Beispiel für andere Mannschaften und ihre Fans darstellt, und, dass die Stimme dessen laut werden kann, die Hoffnung verbreiten und sich über tausende Kilometer Entfernung zurufen.

Der Film wird in türkischer Sprache mit deutschen Untertiteln gezeigt und dauert ca. 45 Minuten. Im Anschluss an die Filmvorführung stellt sich der Regisseur Onur Öncü den Fragen des Publikums.

01.11.2016 um 19:00 Uhr
Universität Kassel Arnold Bode Straße 12 Hörsaal 5
Mit einer Diskussion Nach dem Film
Sprache: Türkisch mit deutschen Untertiteln

Hier gehts zum Trailer:

Boca in Pankow!

Die „Alte Dame“ hat es nach Europa geschafft. Nachdem die Champions Leauge-Qualifikation auf der Zielgeraden gekonnt verspielt wurde hieß es nun Europa-League-Qualifikation. Letztmalig spielte die Hertha in der 2009/2010 in der Europa League, Gegner in der letzten Quali Runde: Brøndby IF.
Die Qualifikationsspiele der Hertha finden im altehrwürdigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg im Bezirk Pankow statt. Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion, wunderschön mitten im Viertel und am Mauerpark gelegen, wurde 1952 eröffnet und fasst momentan 24.000 Sitzlätze. Aktuell dient die Spielstätte dem BFC Dynamo als Heimstadion, wie auch schon in den 1980er Jahren, als der BFC unterstütz vom DDR Regime 10-mal in Folge die Meisterschaft holte. Trotz einiger Berlin Besuche habe ich es nie geschafft diesem geschichtsträchtigem Ground einen Besuch abzustatten. Nun sollte es endlich soweit sein.

Im Online-Vorverkauf wurden 5 Karten geordert, 4 um die Reisekasse aufzufüllen und eine für mich. Als dann klar war das über einen Bekannten sogar die Möglichkeit besteht an Arbeitskarten zu kommen, wurden alle 5 Karten meistbietend verkauft. Hier freute sich das Nachwuchsleitungszentrum des BTSV über den Zuschlag. Was tut man nicht alles für die Jugend.
Der MBG Beetle spulte die 450km in locker flockigen 4 Stunden ab, gestartet bei 20 Grad und Regen, „gelandet“ bei 28 Grad und Sonne – so soll es sein.
Überpünktlich am Stadion angekommen, wurde die Arbeitskarte in Empfang genommen und dank der freundlichen Unterstützung des Bekannten vor Ort einen Gratis-Burger und Pils in der prallen Sonne genossen. So lässt es sich zum Feierabend aushalten.
Da ich durch die Arbeitskarte schon vor Stadionöffnung im Ground unterwegs sein konnte, schaute ich mich erst einmal in aller Ruhe um. Dass meine Karte eigentlich nur Zugang zu allen Imbissständen im Rundlauf gewährleistet interessierte die Ordner nicht die Bohne, der Berliner Ordner an sich dachte sich „na juut, wenn der Fiffi hier schon vor Öffnung rumlofen darf, soll dit wohl so richtig sein, wa…“
So konnte in Ruhe der VIP-Raum, der Presseraum, sowie sämtliche Tribünen besichtigt werden, alles natürlich bewusst auffällig, damit mein Gesicht auch bei jedem Ordern bekannt ist. Und siehe da, selbst in der Halbzeit hatte ich einen “Acces all Area Pass“. Ordner A: „Hier darfste aber nicht rein“ Ordner B: „Det passt scho, der war eben schon mal hier“ Läuft…
Das Stadion war heute mit offiziell zugelassenen 18.454 Zuschauern ausverkauft, ca. 1.800 davon aus Dänemark. Bröndby hätten nach der 5 % Regel eigentlich nur 900 Karten zur Verfügung gestanden, die Hertha schickte aber freundlicherweise nochmal 900 Karten hinterher.
Die Fanszene der „Alten Dame“ wählte als Standort das äußere Eck der Gegengeraden, die Harlekins Berlin mit der schicken „Ultras“ Auswärtsfahne am Zaun. Die Jungs aus Bröndy verzichtetet hingegen auf Gruppenzaunfahnen, somit war auch nicht zu erkennen ob eine „offizielle“ Abordnung der befreundeten Dortmunder am Start war, auf der Autobahn konnten aber einige passende Autokennzeichen erspäht werden.
Die Brøndby-Fans waren komplett in Gelb angereist und schmückten den Block mit Blau- gelben Folienbahnen die quer über den Block gespannt wurden, dazu gab es zum Intro diverse blau-gelbe Fahnen. Wirkte alles richtig gut, speziell in dem alten abgeranzten Stadion und der Farbkombination erinnerte das Ganze, auch wenn leider noch nie live gesehen, ein wenig an die Bilder einer Boca-Kurve.
Hertha zeigte heute wieder das Sie zurecht als eine der besten Heimkurven gelten. Trotz des kleinen Blocks im Vergleich zur riesigen Ostkurve kamen die Gesänge und speziell die Hüpfeinlagen richtig gut rüber, hilfreich hier sicherlich das Dach, welches sich quer über die Gegengeraden erstreckt.
Aber Moment- Hier fehlt doch was?! Waren die unzähligen Hopper, inkl. DER „Ultra-Prominenz“ aus der sächsischen Landeshauptstadt nur gekommen um sich die Gesänge und Hüpfeinlagen der jeweiligen Kurven anzuschauen?!
Natürlich nicht – Der Hopper-Mob erwartet PYRO!!
Und da die Berliner artige Gastgeber sind und die für ein ausverkauftes Haus sorgenden Stadionhüpfer nicht enttäuschend wollten, wurden in der 50 min. auf dem Zaun sitzend ca. 20 hell leuchtende Fackeln angerissen. Sehr sehr schick und perfekt durchgeführt.
Gab es hier schon leichtes Kopfschütteln auf der Schicki-Micki-Tribüne kamen Mama Cindy und Prinzesschen Jaqueline ob der gebotenen Pyroshow der Gäste aus dem Köpfe schütteln gar nicht mehr heraus. Was da in der 60min. abgefackelt wurde war aber auch wirklich vom allerfeinsten. Bengalos, Strobos, Rauch, Leuchtspur, da war so ziemlich alles in rauen Massen vorhanden. Ob es jetzt sinnvoll ist die Leuchtspur auf den Platz zu schießen und eine Spielunterbrechung zu provozieren und damit eine deutlich höhere Geldstrafe zu riskieren muss jeder selbst beantworten, schick sah es aus und die Spieler haben sich über die Trinkpause sicher auch gefreut. Herrlich wenn um einen herum alles und jeder gegen diese „Verbrecher“ pöbelt, während man sich selber ein fettes Grinsen kaum verkneifen kann.
Nachdem sich nach 3. minütiger Spielunterbrechung der Rauch verzogen hatte kam Bröndby immer besser in Spiel, versemmelte aber beste Einschussmöglichkeiten, allen voran der kleene Teemu Pukki. So konnte die Hertha das Spiel durch ein schönes Tor von Vedad Ibišević in der 28. Minute mit 1-0 für sich entscheiden.
Auf der Rückfahrt gab ich mir gleich 3x hintereinander das Live Album der Broilers und spätestens bei der Textzeile

„Bist du dir sicher, dass sich das Blut bei dir bewegt?
Du solltest dich kümmern, hast du heute schon gelebt?
Und wenn es keinen Morgen gibt,
hast du heute schon gelebt?“

wusste ich heute trotz der 8 Stunden Fahrt alles richtig gemacht zu haben und ganz sicher „gelebt“ zu haben.

CR für Salsiccia

Fakten:
28.07.2016 | Hertha BSC – Brøndby IF 1:0
Stadion: Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark
Wettbewerb: Europa-League-Qualifikation, 2016/17, 3. Spieltag
Zuschauer/Gäste: 18.454 (ausverkauft) / ca. 1800
Eintrittskarte: Arbeitskarte/ „Acces All Areas“
Culinaria: Hamburger (4,50 €) – sehr zu empfehlen!